Von München nach Singapur – mit dem Fahrrad und einer Videokamera
Manche Reisen beginnen mit einem Gedanken, der sich nicht mehr vertreiben lässt. Maximilian Semsch hatte diesen Gedanken – und setzte ihn in die Tat um: allein mit dem Fahrrad von München nach Singapur. Was auf den ersten Blick verrückt erscheint, entpuppt sich als eine der intensivsten Arten, den asiatischen Kontinent zu erleben. Nicht als Tourist, sondern als Reisender, der jede Etappe mit eigener Muskelkraft zurücklegt und dabei Kulturen, Landschaften und Menschen so nah erlebt wie kaum ein anderer.
13.500 km mit dem Fahrrad: Ein Abenteuer von München nach Singapur
Wie ein junger Münchner mit Kamera, Zelt und 50 Kilo Gepäck quer durch Osteuropa, Russland, Zentralasien und Südostasien radelte und dabei einen außergewöhnlichen Dokumentarfilm drehte.
In diesem Artikel erfährst du:
🚴 Wie die Reise vorbereitet und finanziert wurde
🌏 Welche Länder durchquert wurden und was sie auszeichnet
🎥 Wie der preisgekrönte Dokumentarfilm „What a Trip“ entstand
💡 Welche Lehren der Film für eigene Abenteuer bereithält
Für wen ist dieser Artikel?
- 🚲 Radsportbegeisterte, die von einer Fernreise auf zwei Rädern träumen
- 🌍 Asien-Fans, die tiefere Einblicke in Länder wie Kasachstan, Thailand oder Malaysia suchen
- 🎬 Film- und Dokumentationsliebhaber, die sehen wollen, wie ein Solo-Abenteuer mit der Kamera festgehalten wird
- 🧭 Alle, die selbst über eine außergewöhnliche Reise nachdenken und Inspiration brauchen
Der Start – zwischen Zweifeln und Vorfreude
Maximilian Semsch, damals Mitte zwanzig, hatte einen Plan: mit dem Fahrrad von München nach Singapur zu fahren und einen Dokumentarfilm darüber zu drehen. Kein Begleitfahrzeug, kein Team, nur er, ein Mountainbike mit Anhänger, eine Kamera und ungefähr 50 Kilogramm Gepäck. Viele hielten das Vorhaben für vermessen – doch genau das reizte ihn. Neun Monate bereitete er sich vor: Sponsoren akquirieren, mit Kameraleuten sprechen, die Route planen. Dann, im Frühjahr, war es so weit. Los ging es am Münchner Hofgarten. Die ersten Tage begleiteten ihn seine Freundin Marion und Hund Alfie – eine sanfte Eingewöhnung. 35 Kilometer pro Tag waren zunächst das Maximum. Nach zwei Wochen kehrten die beiden zurück, und Maximilian war allein unterwegs. Inzwischen hatte er die tschechische Grenze erreicht.
In Polen und der Ukraine wurde die Einsamkeit zum ständigen Begleiter. Der Kulturschock in den ersten Tagen außerhalb der EU war groß. Gleichzeitig wuchs die Kondition: Nach über einem Monat gelang der erste 100-Kilometer-Tag. Die Ukraine mit ihren endlosen Weizenfeldern und den überraschend gastfreundlichen Menschen blieb in bleibender Erinnerung. „Die meisten haben mich für verrückt erklärt“, sagt er rückblickend. „Ich wollte es trotzdem versuchen – wegen der Herausforderung und weil ich die Menschen und ihre Kulturen kennenlernen wollte.“
Die ukrainischen Weiten und der Schritt nach Asien
Nach der Ukraine führte die Route weiter nach Russland. Die Überquerung des Ural-Gebirges war ein symbolischer Moment: Europa lag hinter ihm, Asien begann. Ein neuer Kontinent – aus eigener Kraft erreicht. Für Russland hatte er nur ein 30-Tage-Visum. 2.500 Kilometer bis zur kasachischen Grenze mussten in dieser Zeit bewältigt werden. Tagsüber drehte er Filmaufnahmen: anhalten, Kamera aufbauen, losfahren, zurücklaufen, Kamera einpacken. Drei- bis viermal am Tag. Abends sprach er mit der Kamera wie mit einem Freund – von den schönen Momenten, aber auch von den Sorgen.
Am letzten Tag des Visums erreichte er die Grenze zu Kasachstan. Hier änderte sich die Landschaft radikal: Endlose Steppe, keine Bäume, nur Wind. Bei Rückenwind flog er mit 35 km/h dahin, bei Seitenwind kämpfte er um die Spur, bei Gegenwind war er kaum schneller als ein Fußgänger. Die Temperaturen kletterten auf über 42 Grad. Oft waren es mehr als 100 Kilometer bis zur nächsten Wasserquelle. 40 Kilogramm Gepäck plus 10 Liter Wasser mussten transportiert werden. Die Menschen aber waren von einer Gastfreundschaft, die ihn tief beeindruckte. Mehrfach hielten Autos neben ihm, drückten ihm Geldscheine in die Hand und fuhren weiter – wortlos, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre.
Zwischen China-Visum und Wüstenstrecke
Nach 92 Tagen erreichte er Astana, die kasachische Hauptstadt. Hier scheiterte sein Plan, ein Chinavisum zu bekommen – die Olympischen Spiele ließen keine Radreisenden mit Videokamera durchs Land. Es war der Tiefpunkt der Reise. Also flog er kurzerhand von Almaty nach Bangkok – aber davor lagen noch einmal 1.200 Kilometer durch die Wüste, für die er nur elf Tage Zeit hatte. Er schaffte es. In Thailand angekommen, tauschte er die trockene Hitze gegen die schwüle Tropenluft und den Monsunregen. Plötzlich gab es alle paar Kilometer Essensstände, und Hotelzimmer kosteten nur einen kleinen Betrag. Eine Woche Erholung auf einer der Trauminseln Thailands war der verdiente Lohn.
Südostasien – Tropen, Tempel und neue Horizonte
Da China nicht möglich war, machte er einen Abstecher nach Kambodscha. Die Tempelanlagen von Angkor Wat ließen ihn staunen. Zurück in Thailand radelte er die Küste entlang, durch Malaysia, immer weiter nach Süden. Die Vielfalt der Kulturen faszinierte ihn: Nach nur wenigen Tagen Fahrt änderte sich Sprache, Essen und Religion. Die Regenwälder mit ihrer Artenvielfalt, die Strände, die niemals Winter kennen – Südostasien zeigte sich von seiner schönsten Seite. Nach 211 Tagen und knapp 13.500 Kilometern erreichte er Singapur – sein persönliches Ende der Welt.
Zurück in München begann die Arbeit am Film. Aus 65 Stunden Rohmaterial entstand in sieben Monaten der Dokumentarfilm „What a Trip – mit 15 km/h bis ans Ende der Welt“. Die Premiere im Juli in einem Münchner Kino vor 200 Zuschauern war der krönende Abschluss. „Was niemand für möglich gehalten hatte, war geschafft“, sagt Maximilian.
Offizieller Trailer des Dokumentarfilms „What a Trip“ (YouTube)
🚴 Reisezeit
211 Tage auf dem Rad – von Frühjahr bis Winter, quer durch vier Jahreszeiten und Klimazonen.
📏 Distanz
Knapp 13.500 Kilometer – das entspricht etwa einem Drittel des Erdumfangs.
🌍 Bereiste Länder
Deutschland, Tschechien, Polen, Ukraine, Russland, Kasachstan, Thailand, Kambodscha, Malaysia, Singapur.
🎬 Film & DVD
65 Stunden Rohmaterial, 7 Monate Schnitt – „What a Trip“ ist auf DVD erhältlich.
Zum Schluss
Maximilian Semschs Reise zeigt, dass Abenteuer nicht immer teuer oder technisch aufwendig sein müssen. Mit Entschlossenheit, einer guten Portion Vorbereitung und der Bereitschaft, sich auf das Unbekannte einzulassen, kann jeder seinen eigenen Weg finden. Sein Film ist nicht nur ein Reisetagebuch, sondern eine Einladung, den Horizont zu erweitern – im wahrsten Sinne des Wortes. „What a Trip“ macht Lust, sofort den Rucksack zu packen und in die Pedale zu treten. Weitere Informationen zur Reise und zur DVD gibt es unter www.what-a-trip.de.
Wie lange hat die Vorbereitung auf die Reise gedauert?
Maximilian nahm sich neun Monate Zeit – für Sponsorensuche, Kameratechnik, Routenplanung und logistische Fragen.
Welches Fahrrad und welche Ausrüstung wurde genutzt?
Er fuhr ein handelsübliches Mountainbike mit einem zweirädrigen Anhänger. Die Kamera war eine kompakte Videokamera, die er jeden Abend laden und sichern musste.
Warum bekam er kein Visum für China?
Während der Olympischen Spiele in China waren die Einreisebestimmungen für ausländische Radreisende mit Kamera extrem restriktiv. Sein Antrag wurde abgelehnt, sodass er über Thailand ausweichen musste.
Kann man den Film noch kaufen?
Ja, der Dokumentarfilm „What a Trip – mit 15 km/h bis ans Ende der Welt“ ist auf DVD erhältlich. Alle Infos dazu auf der offiziellen Webseite.
Was war das größte Hindernis auf der Reise?
Neben der Einsamkeit in der ukrainischen und kasachischen Steppe war das fehlende China-Visum der härteste Rückschlag. Auch die extreme Hitze in Kasachstan und der ständige Wind stellten ihn vor immense Herausforderungen.
